Augenzeugenbericht KZ Hinzert

Augenzeugenbericht von Luise Schömer geborene Süss Jahrgang 1926

( jüngste Tochter von Kaspar Süss)

"Jeden Morgen mussten die Gefangenen des KZ Hinzert Kohlen in schweren Anhängern vom Reinsfelder Bahnhof nach Hinzert transportieren. Vorne zogen 30-40 Gefangene mit Stricken über den Schultern den Wagen, hinten drückten zusätzlich 10 Gefangene. Es durfte kein Wort gesprochen werden.

Unterbrochen wurde die Stille von dem Rumpeln der Räder und den wüsten Beschimpfungen der Aufseher. Wer zu langsam war oder ein Wort sprach, bekam die Geißel zu spüren. Die Dorfleute durften weder mit den Gefangenen sprechen, noch ihnen etwas zum Essen zustecken. Trotzdem rollte ab und an ein Apfel über die Straße oder ein Stück Brot lag am Straßenrand, das dann heimlich aufgehoben wurde. Eines Morgens schimpfte meine Mutter Amai Süss aus dem oberen Fenster über die unmenschliche Behandlung. Einer der SS-Männer stürmte ins Haus, fragte schroff nach den Personalien und wollte genau wissen, was sie gerufen habe, da man es bei dem Lärm nicht verstehen könne. 'Nichts', erwiderte meine Mutter, 'ich habe nur den Rollladen hochgezogen und guten Morgen gerufen.' Der SS-Mann drohte, sie beim nächsten Mal mitzunehmen.

   Da die Männer aus dem Dorf fast alle in den Krieg gezogen waren, bekamen die Frauen auf Anfrage landwirtschaftliche Helfer zugeteilt. Einer der Aufseher, er hieß Fatum, stammte aus dem Ruhrgebiet und ist damals mit seiner Frau ins Dorf gezogen. Er war zwar auch SS-Mann aber nicht so radikal wie die anderen Aufseher. Ich arbeitete mit einem Gefangenen Seite an Seite, er stach die Pflanzlöcher und ich steckte die Setzlinge rein.

   Heimlich wollte ich ihm ein Brot zustecken, Fatum bemerkte es und forderte ihn auf, sich sattzuessen. War ein anderer Aufseher dabei, musste man sehr Acht geben, dass man nicht auffiel. Dann wurde Brot an geheimen Plätzen versteckt, die wir den Gefangenen zuflüsterten.

10 Jahre nach dem Krieg kam ein luxemburgischer Gefangener, um sich bei mir und meiner Mutter für die Brote zu bedanken, die wir ihm zugesteckt hatten. Gleichzeitig bedankte er sich bei meinem Vater, dem Bäckermeister Kaspar Süss dafür, dass ihm auf der Brotfahrt nach Hinzert bei den Baracken immer wieder mal zufällig einige Brotlaibe vom Pferdehänger gerollt waren.

   Die bestialischsten Handlungen oder auch Hinrichtungen wurden von Mitgefangenen ausgeführt, mit dem Versprechen, sie würden früher entlassen. Besonders berüchtigt war ein Mann aus Steinberg ca. 25 Kilometer von Hinzert entfernt. Er wurde tatsächlich schon 1942 entlassen, machte sich voller Hoffnung auf den Heimweg und wurde später tot im Wald aufgefunden. Der Mörder wurde nie gestellt.

   Vor ungefähr 10 Jahren errichtete ein luxemburgisches Ehepaar ein Kreuz an der Autobahnbrücke. Der Mann erzählte, dass hier ein Freund von der SS erschossen wurde. Das Kreuz, es stand hinter den Leitplanken, wo es keinen störte, war am nächsten Tag verschwunden und die Blumen waren zertrampelt. 

   Hoffentlich ist dem Luxemburger dieser Anblick erspart geblieben."